| Thorsten Nagelschmidt hasst Weihnachten. Stichwort Familienhölle. Herkunftstrauma. Fest der Lüge. Also
flüchtete er, um der alljährlichen Dezemberdepression zu entgehen, in ein All-Inclusive-Hotel auf Gran Canaria, um
dort alle sieben Staffeln The Sopranos zu gucken, 8 Stunden täglich, 11 Tage am Stück – und darüber dann ein Buch
zu schreiben. Ganz normal. Und so geschah es. Nicht normal: dass er danach zusammen mit dem mysteriösen, bei
seinen Auftritten stets maskierten Klaviergott Lambert aus dem Buch ein Album gemacht hat, das obendrein ganz
erstaunlich ist.
Auch wenn nicht so ganz klar ist, was das ist, was die beiden da geschaffen haben.
Für ein Spoken-Word-Album wird zu viel gesungen. Für ein Hörbuch gibt's zu viel (und zu starke) Musik. Ein Hörspiel
ist es auch nicht, ein Soundtrack schon gar nicht – obwohl es einer sein könnte ohne den Gesang. Bzw. : den
Sprechgesang. Oder was ist das?
Auf jeden Fall ist es stark. Die beiden Verbündeten sind auf dem sieben Stücke langen »Nur für Mitglieder« über sich
hinausgewachsen. Lambert – international bekannt für seine gleichzeitig beruhigende und herausfordernde moderne
Klaviermusik – dreht musikalisch völlig frei. Und Nagelschmidt – als Autor und als Sänger und Gitarrist der Band Muff
Potter bekannt – sprengt den Rahmen von Literatur und Musik gleichermaßen.
Die Entstehung: Sie trafen sich in einer Bar. Zufällig. Nagelschmidt steckte gerade mitten in der Arbeit zu seinem
Buch, Lambert kam von einem Konzert. Sie mochten sich sofort – und stellten fest, dass sie seit über einer Dekade
Nachbarn waren: Zwischen ihren Behausungen liegen „exakt 167, 4 Meter Luftlinie" (Lambert). Als Nagelschmidt
Monate später die Idee kam, sein soeben beendetes, nunmehr siebtes und im September 2025 im März Verlag
erscheinendes Buch einer musikalischen Umsetzung zu unterziehen, war klar, wen er fragte.
»Nur für Mitglieder« entstand in Lamberts Heimstudio, einem winzigen, länglichen Raum, vollgestopft mit Klavier,
Flügel, Rhodes und Synthies. Was als Experiment begann, entwickelte bald eine Eigendynamik. Jeden Morgen kam
Nagelschmidt mit Croissants, Lambert kochte Kaffee, dann widmeten sie sich ihrem Vorhaben: Figuren und Orte der
literarischen Vorlage kompositorisch in die Musik einzuflechten, Stimmungen und Gefühle zu Musik werden zu lassen
– bis die Kinder nach Hause kamen.
Die Musik – wie soll man die beschreiben? Klaviermusik ist das auf jeden Fall nicht! Stattdessen schiebt hier alles,
treibt und drückt, ist fiebrig, glühend, cinemaskopisch und irgendwie nocturnal – wie eine Fluchtfahrt durch die
Großstadt. Ständig flirrt ein neuer Sound herbei und verschachtelt sich mit anderen in vielschichtige, faszinierende
Soundcollagen, während Nagelschmidt darüber – oder vielmehr hinein, mittendrin – wie ein weiteres Instrument
Passagen des Buches liest oder spricht – oder spielt er die Texte? Manchmal singt er sogar. Dann kulminiert der
Kampf mit den Sopranos, der eigenen vermaledeiten Familiengeschichte, dem All-Inclusive-Hotel-Wahnsinn und
dem Wunsch, klarzukommen, in einer Art Energieeruption zu einem jener Refrains, die man auf T-Shirts drucken
sollte.
In »Nie wieder Weihnachten«, der ersten Single, sind alle Grundthemen des Buches bereits da: die Sopranos, die
Depression, die Urlaubsinsel und die Flucht vor Weihnachten. Leicht gehetzt und angenehm genervt spricht
Nagelschmidt den Text über einen dunkel rollenden, lambertschen Groove, bis am Ende alles aufgeht in einem von
der Berliner Künstlerin Sofia Portanet zusammen mit Lambert und Nagelschmidt gesungenen, fast engelhaften
Refrain:
Nie wieder Weihnachten in Deutschland.
Einordnung: Das alles hat man so selten gehört – oder noch nie? Bei klassischen Spoken-Word-Aufnahmen war die
Musik nur Untermalung; bei »Nur für Mitglieder« wird sie zum Akteur. In neuerer Zeit fallen einem Gil Scott-Heron,
Blumfeld und die Goldenen Zitronen ein – bei Lambert und Nagelschmidt aber werden Buchpassagen mit eigens
komponierter, aus der Geschichte erwachsener Musik zu einer neuen Form verwoben.
Beispiele dafür findet man am ehesten bei Nagelschmidt selbst: Mit seiner 2011 bei Audiolith erschienenen und auf
seinem gleichnamigen zweiten Roman basierenden EP »Was kostet die Welt« machte er Ähnliches, kreierte als Folge
daraus mit Oliver Koletzki aus Versehen einen Hit namens »The Power of Rausch« und sprach auf dem 2022er Muff�Potter-Album »Bei aller Liebe« Songs wie »Ein gestohlener Tag« oder »Nottbeck City Limits« mehr, als dass er sie
sang.
Auf »Nur für Mitglieder« hat er diese Form – mit kongenialer Hilfe des legendären Lambert – nun perfektioniert.
Was ist das jetzt? Spoken-Word-Pop? Prosa-Jazz? Buchtronica?
Hören Sie selbst. Erst auf dem Tonträger – und dann am besten live. Nagelschmidt und Lambert gehen auf Tour. „Das
wird so eine Mischung aus Konzert, Lesung und Multimedia", sagt Nagelschmidt. „Wir wollen alle Songs spielen, die
auf dieser Platte sind. Echt, live, also mit Flügel oder Klavier und Gesang, eventuell noch eine Gitarre – aber nichts
vom Band. Das will man, glaube ich, einfach nicht mehr sehen. Und Lambert wird vielleicht auch was lesen. Dafür
nimmt er dann die Maske ab. Weil mit Maske lesen – das geht ja nicht. " |